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Deutsche Gesellschaft für soziale Psychiatrie

Fachausschuss Forensik

der Deutschen Gesellschaft für Soziale Psychiatrie (DGSP)

Buchrezensionen

Unter dieser Rubrik finden Sie unsere Buchempfehlungen zum Thema Psychologie, Psychiatrie und Forensik.

Die Schwarze Liste: Nazi-Paragraf 63 StGB - weggesperrt und weggespritzt von Bianka Perez

Die deutsche Psychiatrie kommt in ihrem forensischen Zweig nach § 63 StGB am kenntlichsten zu sich selbst und ihren historischen Wurzeln als Repressions- und Selektionssystem. Er ist wesentlich punitiver (strafstrenger, -lustiger) als der Strafvollzug. ...

Wie die internen Produktionsweisen dieses Systems funktionieren und was das konkret für Menschen bedeutet, die diesem System ausgeliefert sind, erfährt man durch das Buch „Die schwarze Liste“. Darin beschreibt die Autorin Bianca Perez den Kampf mit und um ihren älteren Bruder. Dieser wäre im Jahre 2009 wegen eines Körperverletzungsdeliktes zu einer Gefängnisstrafe von 9 Monaten verurteilt worden, wenn ihm nicht aufgrund einer - wie sich später herausstellt - falschen psychiatrischen Diagnose der Zustand einer verminderten Schuldfähigkeit attestiert worden wäre.

Buchrezension von Uli Lewe

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Irren ist menschlich - Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie

von Christoph Müller

Es gibt nur wenige Bücher, die ganze Berufs-und Lebensbiographien unglaublich intensiv geprägt haben. Das Psychiatrie-Lehrbuch „Irren ist menschlich“ hat bei Generationen von Psychiatrie-Erfahrenen, Psychiatrie-Tätigen und Angehörigen psychisch erkrankter Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Wen wundert es? Denn was ursprünglich der Sozialpsychiater Klaus Dörner und die Psychotherapeutin Ursula Plog mit diesem grundlegenden Buch geschaffen haben, hat sich nicht an die Konventionen eines klassischen Lehrbuchs gehalten. Wenn es ein psychiatrisches Lehrbuch gibt, das den Menschen, insbesondere den von einer angeschlagenen Seele betroffenen Menschen, in den Mittelpunkt rückt, dann ist es das Buch „Irren ist menschlich“.

Klaus Dörner et al. (Hrsg.): Irren ist menschlich – Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrie-Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-88414-610-1, 992 Seiten, 39.95 Euro.
Das Lehrbuch erscheint überarbeitet in 24. Auflage.

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Abwege und Extreme - Herausforderungen der Forensischen Psychiatrie

Tagungsband zu Abwegen und Extremen im Maßregelvollzug

Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind, werden schnell mit Abwegen und Extremen in Verbindung gebracht. So wundert es nicht, dass die Eickelborner Tagung für forensische Psychiatrie sich auch dem Abwegigen gewidmet hat. Es erstaunt genauso wenig, dass eine große Bandbreite an Inhalten mit dem Abwegigen in Zusammenhang gebracht worden sind.

So haben sich Sabrina Wiecek et al. mit der Frage beschäftigt, ob die Unterbringung im Maßregelvollzug mit dem Begriff der Lebensqualität in Zusammenhang gebracht werden kann. Für die Autorinnen und Autoren muss die Sexualität näher unter die Lupe genommen werden, wenn Lebensqualität angesprochen wird. Sie sprechen an, was schon  bald in einer Einrichtung des Maßregelvollzugs die gelebte Sexualität schwierig macht: „Das Küssen ist ein interessantes Beispiel: Hier findet eine Form der positiven Kommunikation und Zuwendung statt, die – gemessen an den moralischen Standards „draußen“ – vollkommen unproblematisch und keineswegs anstößig ist. Innerhalb der Klinik muss nun ausgehandelt werden, inwiefern bestimmte Praktiken – in diesem Fall das Küssen – gegen die Vorstellungen der „öffentlichen Ordnung“ des Personals verstoßen, da nur schwerlich exakte Grenzen des Erlaubten regulatorisch festgelegt werden können.“ (S.42)

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Sexualität und psychische Gesundheit

von Christoph Müller

Ich möchte es einmal in der Sprache der Tennisspieler sagen: was mit dem Buch "Sexualität und psychische Gesundheit" gestartet wurde, kann nur ein erster Aufschlag sein. Es gibt noch viele Gelegenheiten zum Return. Denn die Schweizer Pflegenden, der Experte aus der Aids-Hilfe und die Betroffene haben Verschwiegenes zur Sprache gebracht.

Sexualität betrifft einen jeden Menschen. Mit einer psychischen Erkrankung bekommt die Sexualität eine andere Bedeutung. Denn im Zusammenhang mit einer manischen Auffälligkeit wird Sexualität grenzenloser. Mit einer depressiven Symptomatik gerät sie in den Hintergrund. Mit der Einnahme von Psychopharmaka scheinen problematische den freudigen Aspekten zu überwiegen. Da Sexualität im Leben eines jeden Menschen eine vitale Funktion hat, deshalb sollte es auch im Kontext mit der psychischen Erkrankung angesprochen werden.

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Handbuch der Psychoeduaktion

von Christoph Müller

Für die Einen ist es Standard in der psychiatrischen Arbeit, für die Anderen ist es ein Instrument, das ein Ungleichgewicht zwischen psychisch erkrankten Menschen, den Angehörigen und den psychiatrischen Helfern: die Psychoedukation. Mit dem Aufkommen von Recovery und Adherence ist die gut gemeinte Psychoedukation etwas in Verruf gekommen. Ob dies zu Recht geschehen ist, mögen psychiatrische Praktiker in ihrem beruflichen Alltag und nach der intensiven Beschäftigung mit dem "Handbuch der Psychoedukation" selber reflektieren.

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Betreutes Wohnen

von Christoph Müller

Es hat etwas Erfrischendes, das Buch "Betreutes Wohnen" in die Hand zu nehmen. Denn Michael Konrad und Matthias Rosemann, die Verantwortung in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen in Ravensburg und Berlin tragen, rütteln nicht nur den Leser, sondern vor allem den psychiatrischen Praktiker wach. Mobile Unterstützung stehe für eine Grundhaltung und eine Organisationskultur, "die die Hilfe zu den Menschen in ihrer aktuellen individuellen Situation bringt" (S. 8).

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Praxishandbuch Schizophrenie

von Christoph Müller

Es ist immer wieder einmal an der Zeit, den State-of-the-art bezüglich der Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen zu dokumentieren. Dieser Chronistenpflicht kommt der Psychiater Peter Falkai mit dem "Praxishandbuch Schizophrenie" nach. Er hat eine Schar von Autorinnen und Autoren um sich geschart, die so kenntnisreich wie tiefgründig sind. Differenziert stellen die Expertinnen und Experten aus der klinischen Arbeit die Symptomatik und die somatische Komorbidität, die somatischen Therapieverfahren und die Psychotherapie, die Neurostimulation und die Behandlungsresistenz dar.

Nachdenklich stimmt, dass Falkai sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen deutlich medizinischen Blick auf das Phänomen der Schizophrenie wagen. Der Trialog von Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen wird nur angeschnitten. Die Einbeziehung von Peer-Beratern in der psychiatrischen Versorgung wird als Möglichkeit vorgestellt, jedoch nicht intensiver erläutert. So ist die Gefahr möglicherweise groß, den einen oder anderen Satz zu überlesen. Beispiel: "In der modernen Psychiatrie ist die Wahrnehmung von Erklärungs-und Bewältigungsmodellen der Betroffenen unerlässlich." (S. 209)

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Moderation von Selbsthilfegruppen

Janine Berg-Peer versteht sich als Mutmacherin. Die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen will sie aus der Sprachlosigkeit zu einer selbstbewussten Bewältigung einer unerwarteten Aufgabe führen. Mit dem Buch "Moderation von Selbsthilfegruppen" glückt ihr dies. Denn die fast 100 Seiten des kenntnisreichen Buchs sind voll von ermunternden Worten und persönlichen Erfahrungen.

Berg-Peers Wunsch scheint es zu sein, Betroffenen wie Angehörigen in der Selbsthilfe den Rücken zu stärken. Statt in einem Jammertal zu verharren streicht sie die Vorteile von Selbsthilfegruppen heraus. Selbsthilfegruppen könnten ein gutes Korrektiv sein. Der Austausch miteinander bringe verschiedene Sichtweisen zutage. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme werde gestärkt und könne Verhaltensänderungen fördern, meint Berg-Peer.

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Recoveryorientierte Pflege bei Suchterkrankungen

von Christoph Müller

Es fällt vielen psychiatrisch Pflegenden schwer nachzuvollziehen, was einen suchtmittelabhängigen Menschen bewegt und wie sie den Weg aus dem eigenen Schlamassel finden. Esther Indermaurs Buch „Recoveryorientierte Pflege bei Suchterkrankungen“ ist nun eine Hilfe wie eine Landkarte in der Zeit, als Menschen noch ohne Navigationsgeräte reisten. Der Reisende hat sich beim Schauen auf die Reiseroute gemächlich auf die Wege eingelassen, die er zum Ziel gehen oder fahren musste. So hat jeder seine innere Haltung zum Reiseland schon finden können.

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Zwangseinweisung und Zwangsbehandlung

Es gibt unter psychiatrisch Tätigen, aber auch im Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und Praktikern kein Thema, das so intensiv diskutiert wird wie die Zwangsbehandlung und die Zwangseinweisung von psychisch erkrankten Menschen. Dies ist gut so. Schließlich muss die Sensibilität für die Eingriffe gegen das Selbstbestimmungsrecht einzelner Menschen hoch gehalten werden. Unter dem Eindruck der Rechtsprechung im Jahre 2011 haben die Autoren in zeitlicher Nähe einen grundsätzlichen Diskurs zum Thema versucht. Gut so, kann man nur sagen. Es ist nie ein Wort zuviel verloren, wenn es nicht zu ideologisch ausgesprochen wird.

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Psychiatrie - Zwischen Autonomie und Zwang

Das Spannungsverhältnis von Autonomie und Zwang grundsätzlich unter die Lupe zu nehmen, macht Sinn. Deshalb ist positiv zu bewerten, was Wulf Rössler, Paul Hoff und viele andere mit dem Buch "Psychiatrie zwischen Autonomie und Zwang" geleistet haben. Sie haben die historischen Entwicklungen dieses einzigartigen Ambivalenzthemas genauso näher in den Blick genommen wie auch die ethischen Implikationen. Sie haben die deutsche, die schweizerische, aber auch die internationale Perspektive auf das Thema eingenommen.

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Prävention von Zwangsmaßnahmen

Das von Martin Zinkler, Klaus Laupichler und Margret Osterfeld verfasste Buch erschien in diesem Jahr in 1. Auflage. Der Titel verspricht Anregungen und Auseinandersetzungen rund um die Vermeidung von Zwangsmaßnahmen. Die Herausgeber nennen als ein zentrales Anliegen ihres  Buches den psychiatrisch Tätigen »Mut zu machen und neue Wege zu gehen«.

Die trialogische Perspektive stellt den gestalterischen Rahmen dar und wird konsequent im ganzen Buch umgesetzt. So beginnt das Buch mit einem Vorwort von Dorothea Buck, die die psychiatrisch Tätigen dazu auffordert, sich als ermutigende Helfer gegenüber den ihr anvertrauten Patienten zu präsentieren.

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Was tun - bei Konflikten und Aggressionen in Familien mit einem psychisch kranken Angehörigen?

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) widmet sich mit dieser Broschüre den Themen Aggression und Gewalt im häuslichen Umfeld. Es ist unstrittig, dass diese Themen schon seit längerem keine Tabuthemen mehr sind, zumindest dann, wenn es um die Mitarbeitenden in den psychiatrischen Einrichtungen geht. Diese werden in speziellen Techniken zum Umgang mit Aggression und Gewalt geschult. Es wird ihnen nach Übergriffen durch Patienten oftmals ein entsprechendes Nachsorgemanagement geboten. Was aber ist mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten, die in ihrer häuslichen Umgebung mit Gewalt und Aggressionen durch ein Familienmitglied konfrontiert werden?

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Herausforderung Pädophilie

Mit dem Buch „Herausforderung Pädophilie“ haben die Psychologin Claudia Schwarze und der Sozialpädagoge Gernot Hahn etwas Bahnbrechendes erreicht. Sie diskutieren das Thema Pädophilie ohne jede Skandalisierung und Dramatisierung. Sie machen glücklicherweise noch mehr. Sie positionieren sich klar gegen eine gelebte Pädosexualität und stellen somit die eigenen moralischen Werte dar.

 „Verantwortlich leben, Straftaten verhindern“ - dieses Grundbekenntnis durchzieht das gesamte Buch. Schwarze und Hahn zeigen auf, dass Pädosexualität erst einmal eine Empfindungsmöglichkeit von Sexualität sein kann. Es ist eine Empfindungsmöglichkeit, die gesellschaftlich aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerne gesehen wird. Dies führt dazu, dass sich pädosexuelle Menschen in ihrem Empfinden stigmatisiert und in ihrer Identität begrenzt fühlen.

Wen spricht das Buch von Schwarze und Hahn an? In erster Linie sind es die Betroffenen und ihr soziales Umfeld, die Orientierung finden können. Es sind aber auch die professionellen Helfer, die auf den 216 Seiten auf einen großen Fundus an Erfahrung und Richtlinien zurückgreifen können, um Menschen zu verstehen, die pädosexuell ausgerichtet sind.

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Verknackt - Vergittert - Vergessen

Wer viele Jahre an einem besonderen Arbeitsplatz tätig ist, der kann eine Menge erzählen. Der evangelische Pfarrer Rainer Dabrowski ist bald ein Vierteljahrhundert Seelsorger in der Justizvollzuganstalt Berlin-Tegel gewesen. Es ist eine Zeit, die ihn tief geprägt hat. Diesen Eindruck vermittelt sein Buch „verknackt, vergittert, vergessen“. Denn mit dem Erzählen eigener Erlebnisse und Erfahrungen nimmt er den Leser in eine Welt mit, die im besten Sinne den meisten Menschen verschlossen bleibt.

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Umgang mit Zwangsmaßnahmen in Krankenhäusern, Psychiatrien und Pflegeeinrichtungen

Um das Fazit des Rezensenten gleich am Anfang der Besprechung herauszustellen: Dies ist ein hervorragend geschriebenes Fach-Buch. Es bietet einen – insbesondere für Nicht-Juristen – verlässlichen und verständlich dargestellten Überblick über die Rechtslagen für zivilrechtliche Unterbringungen nach dem Betreuungsrecht als Bundesrecht und nach den PsychKGs der Länder sowie über die rechtlich zulässigen Zwangsmaßnahmen, Behandlungen wie Fixierungen, ebenfalls nach Bundesrecht und den 16 einschlägigen Ländergesetzen.

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Der Fall Mollath. Vom Versagen der Justiz und Psychiatrie

von Andrea Trost

Unter diesem Titel hat der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate ein Buch über den Fall seines Mandanten Gustl Mollath veröffentlicht, in dessen Wiederaufnahmeverfahren er einer der Verteidiger war. Das Vertrauen in den Rechtsstaat und in die forensische Psychiatrie wurde in der jüngsten Vergangenheit unter anderem auch durch das Fehlurteil in dieser Angelegenheit in Mitleidenschaft gezogen.

Das Wiederaufnahmeverfahren kann als eines der am besten und detailliertesten öffentlich dokumentierten und diskutierten Strafverfahren in Deutschland betrachtet werden. Dies ist zu einem großen Teil der Verteidigung Mollaths zu verdanken, die gemeinsam mit anderen Unterstützern Schriftsätze, Verhandlungsmitschriften und weitere Dokumente veröffentlicht hat.

In seinem Buch schildert der Verteidiger den Fall nun aus seiner Perspektive. Nach der breiten öffentlichen Debatte stellt sich die Frage, ob dieses Buch überhaupt noch Neues beinhaltet. Inhaltlich dürfte das Meiste bekannt sein, Strates Ausführungen bieten jedoch viele weitere interessante, teils diskussionswürdige, Ansichten.

Mit der forensischen Psychiatrie geht er scharf ins Gericht, die gesamte Fachrichtung wird von ihm verurteilt. Besonders mit psychiatrischen Gutachtern rechnet Strate pauschal und umfassend ab. Er beschreibt die Psychiatrie als System, das von der Norm Abweichende generell entrechtet und entwürdigt. Diese Generalabrechnung bringt Strates persönliche Auffassung und Haltung deutlich zum Ausdruck. Sachlich betrachtet ist sie in Teilen fragwürdig und in dieser Schwere sicherlich nicht haltbar. Zugleich bietet diese Abrechnung aber auch Grundlage und Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit der (forensischen) Psychiatrie.

Die Kritik an der Justiz fällt hingegen vergleichsweise gering aus, hier rückt Strate Fehler und Versäumnisse einzelner Beteiligter in den Fokus. Der Umgang mit psychiatrischen Stellungnahmen und Gutachten durch die Justiz wird ebenfalls nicht generell hinterfragt. Grundsätzliche Kritikpunkte, Schwächen und Reformbedarfe im Verfahren und Vollzug der freiheitsentziehenden Maßregel nach § 63 StGB sowie der Feststellung der Schuldunfähigkeit/verminderten Schuldfähigkeit werden nicht benannt oder evaluiert.

Unabhängig von der Person Mollaths, den Vorwürfen gegen ihn und tatsächlichen Ereignissen – Strate belegt in seinem Buch eindrücklich, dass die Vorgänge in diesem Fall so nicht hätten geschehen dürfen, dass man dem Betroffenen nicht das hätte antun dürfen, was ihm widerfahren ist.

Fazit
Trotz, und vielleicht gerade wegen, Strates plakativer genereller, verallgemeinernder und unversöhnlicher Kritik an der forensischen Psychiatrie und an psychiatrischen Begutachtungen und Gutachtern wird deutlich, dass dieser Bereich der Psychiatrie kritisch auf den Prüfstand gestellt werden muss. Das Fachgebiet muss sich um Transparenz bemühen, auch um die durchaus vorhandenen, -erfolgreichen, positiven Aspekte dar zu stellen.
Dies muss insbesondere durch diejenigen erfolgen, die in diesem Fachbereich professionell Tätig sind und die ihn gesellschaftlich repräsentieren.

Die Praxis des Befolgens gutachterlicher Expertise und Stellungnahmen seitens der Justiz wird anhand Strates Buch einmal mehr deutlich. Eindrücklich wird das mögliche Zusammenspiel und die hiermit verbundenen methodischen Verkettungen von Strafjustiz und Psychiatrie dargestellt. Der Fall Mollath ist ein mahnendes Exempel für systematisches Versagen einer Justiz, die sich scheinbar blind auf Gutachten verlassen hat. Nicht zuletzt wird am Fall Mollath deutlich, dass die psychiatrische Maßregel nach § 63 StGB der Reform bedarf, die einen zeitgemäßen und unter Einbezug aktueller Erkenntnisse der beteiligten Fachdisziplinen gestalteten Rahmen für Verfahren und Vollzug dieser Maßregel bietet. Trotz der aufgeführten Kritikpunkte ist das Buch absolut lesenswert, es lädt den Leser mit interessanten, teils provokanten und polarisierenden Sichtweisen und Ausführungen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik ein.

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Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen

Wenn es um die Zwangsbehandlung psychisch erkrankter Menschen geht, dann gehen in der Regel die Emotionen hoch. Dies erscheint nachvollziehbar angesichts der Verletzung der Integrität des Einzelnen. Höchstrichterliche Rechtsprechung aus den vergangenen Jahren und das Bemühen politisch Verantwortlicher, die Gesetzgebung entsprechend anzupassen, haben die Sensibilität aller an Zwangsmaßnahmen Beteiligter deutlich gesteigert.

Das Buch „Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen“, das nun Tanja Henking und Jochen Vollmann als Mitarbeitende am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum herausgegeben haben, gibt nun einen profunden Einblick in die Fragestellungen.

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Mit Sicherheit behandeln – Diagnose, Therapie und Prognose

von Christoph Müller

Wer im Massregelvollzug tätig ist, für den ist der Begriff der Sicherheit Auftrag und Damoklesschwert zugleich. Diesen Eindruck bekommen forensisch-psychiatrisch Tätige während ihres beruflichen Alltags. Das Buch „Mit Sicherheit behandeln“ greift die Janusköpfigkeit des Sicherheitsbegriffs auf.

Es stellt sich in diesem Kontext natürlich stets die Frage, wie Sicherheit für die Gesellschaft, aber auch für im Massregelvollzug Lebende und Arbeitende gewährleistet werden kann. Das Buch sucht die Nischen, schaut nach Themen, die bislang selten betrachtet sind. So schreibt Katja Willebrand in ihrem Beitrag „Denn man sieht nur die im Lichte“ über Forensik-Patienten auf der Bühne. DieWirkung von schauspielerischer Arbeit mit Menschen, die im Massregelvollzug leben, erlebt eine große Vielfalt. Mit dem Blick auf die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen fasst Willebrand zusammen: „Wer in einer Situation seines Lebens ein Täter gewesen ist, kann in einer anderen Situation ein Schauspieler sein, ein freier Mensch, der andere begeistert. Diese Erfahrung überrascht. Begriffe wie Gefährlichkeit, das Böse, Normalität und Freiheit lösen sich aus den gewohnten Kontexten und wollen neu zugeordnet werden. Wesentlich für die Bereitschaft der Zuschauer, derart zentrale Begriffe in Bewegung zu versetzen, sind Freude an den Aufführungen, Begegnung mit und Berührung durch die Patienten.“ (278 / 279)

Diese subjektive Erfahrung im Hinterkopf erscheint die Skandalisierung von Menschen, die Berührungspunkte mit dem Massregelvollzug haben oder hatten, als Hysterie. So ist die Leichtigkeit des Aufsatzes von Willebrand eine willkommene Erfrischung gegenüber anderen Autorinnen und Autoren, die sachlich und ernsthaft die Sicherheit in den Mittelpunkt der eigenen Überlegungen stellen. Dieter Seifert und Tina Neuschmelting stellen die Frage: „Wie diagnostiziert man einen intelligenzgeminderten Rechtsbrecher ?“. Rüdiger Müller-Isberner nimmt „das Managment forensisch-psychiatrischer Versorgungssysteme“ unter die Lupe. Andreas Mokros et al. Wünscht: „Forensifizierung vermeiden: Neue Wege zur Prävention der Delinquenz von psychisch Kranken“.

Ganz eigene Einsichten findet man in dem Aufsatz „Sind Frauen die besseren Mörder ?“. Sigrun Roßmanith stellt fest: „Frauen, die töten, sind eine Rarität.“ (225) Frauen seien kreativer und entschlossener, wenn es darum gehe, eine extreme Lösung zu finden. Fehlende körperliche Kräfte ersetzten sie durch ausgeklügelte Strategien. So stellt sich in diesem Zusammenhang natürlich auch die Frage, inwieweit Frauen grundsätzlich eine größere Garantie dafür wären, dass es im Miteinander der Geschlechter größere Sicherheiten gibt.

Die Gerichtspsychiaterin Nahlah Saimeh beschäftigt sich in ihrem Aufsatz „Dark Rooms – ist die Forensik eine Gefahr für psychisch kranke Menschen ?“ eigentlich mit feuilletonistischen Fragen. Sie spricht sich mehr als deutlich dafür aus, dass die Psychiatrie gut daran tue, „sich in Diktion und Verfahrensweisen um die Augenhöhe mit den Patienten zu bemühen“. Dies verbindet sie mit der Überlegung, dass Architektur in einer forensischen Klinik das Denken verrate, genauso wie die Sprache das Denken verrate.

Ein angemessenes Innehalten.

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Mit Sicherheit behandeln – Diagnose, Therapie und Prognose, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2014, ISBN 978-3-95466-118-3, 281 Seiten, 34.95 Euro.

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